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  • Katharina Kahl

Die Sache mit dem Gehorsam

Aktualisiert: 14. Juli 2019

In vielen Familien gehört der Gehorsam zu einem der Grundwerte in der Erziehung. Häufig gründet dies auf Tradition, denn viele Werte und Erziehungsmethoden werden von Generation zu Generation weitergegeben.

Aber welche Bedeutung hat Gehorsam in einer Familie? Wofür ist er gut und muss es immer Gehorsam sein? Gibt es vielleicht auch gute Seiten am Ungehorsam?


Es hat auf den ersten Blick immens viele Vorteile, wenn Kinder gehorsam sind, von denen ich drei nennen möchte:

1. Gehorsam vermittelt das Gefühl von Respekt, Bestätigung und Anerkennung ("Ja, Mama, ich merke, was du sagst, ist gut!").

2. Gehorsam erleichtert den Alltag in den Bereichen Ordnung und Pünktlichkeit.

3. Gehorsam erhöht die Sicherheit ("Stopp, nicht über die Straße rennen!").


Ungehorsam dagegen interpretieren wir schnell als das Gegenteil dieser wünschenswerten Effekte:

1. Ungehorsam zeugt von Respektlosigkeit, Desinteresse und Abwertung ("Es interessiert mich nicht, was du sagst. Du hast sowieso nicht Recht und ich mache, was ich will!").

2. Mit ihrem Ungehorsam machen mir die Kinder (absichtlich!?) den Alltag schwer.

3. Ungehorsam ist gefährlich.


Die oben genannten Punkte bewegen sich bei genauerer Betrachtung auf unterschiedlichen Ebenen, die ich spontan so benennen will:

1. Die Beziehungsebene

2. Die organisatorische Ebene

3. Die Ebene der Konsequenzen


1. Auf der Beziehungsebene spielt eine Menge Interpretation mit. Mit einer Bitte oder Aufforderung an unsere Kinder, fordern wir auch ihren Gehorsam ein und wenn dieser Bitte nicht nachgekommen wird, interpretieren wir das als Respektlosigkeit uns gegenüber. Wir könnten aber auch mit einer anderen, wohlwollenden Interpretation starten, um der Situation die Schärfe zu nehmen: Unsere Kinder lieben und respektieren uns, weil wir ihre Eltern sind. Damit nehmen wir uns ein Stück weit selbst den Wind aus den Segeln. Wenn der Ungehorsam uns gegenüber also keine Respektlosigkeit, kein Desinteresse und keine Abwertung zum Ziel hat, was soll er uns dann sagen?

Genau hier startet der wirklich interessante Teil der Beziehung zu unseren Kindern. Denn jetzt haben wir die Möglichkeit zu erforschen, warum unsere Kinder so handeln, wie sie es eben tun. Was offenbaren sie über ihre Persönlichkeit, über ihre Wünsche und Interessen?

Statt auf Gehorsam zu pochen, können wir Situationen des Ungehorsams also nutzen, um mehr über Kinder zu erfahren und die Beziehung zu ihnen zu stärken. Zumindest, wenn wir nicht im Glauben bleiben, jeder Ungehorsam untergrabe unsere Autorität.


2. Auf der organisatorischen Ebene ist es natürlich viel schöner, wenn alles glatt läuft und wir nie wieder unpünktlich sind. Aber das ist ein Lernprozess. Und mal ehrlich, wenn man die Wahl hat zwischen Schwimmbad und Staubwischen...

Kinder leben für den Moment und all das Tolle, das sie darin erleben. Aufräumen, Loskommen und Hausregeln beachten stehen auf ihrer Prioritätenliste ungefähr so weit oben wie Bad putzen, Wäsche aufhängen und Staubsaugen auf unserer (oder zumindest meiner). Aber wir wissen auch, dass eine ordentliche Wohnung zum Wohlbefinden beiträgt und dass (Un)Pünktlichkeit eben auch Auswirkungen auf anderes hat. Wir sind also nicht nur fies, wenn wir uns Mühe geben, ihnen alle diese organisatorischen Alltagsdinge beizubringen. Aber wir könnten an unserer Geduld arbeiten.


3. Auf der Ebene der Konsequenzen gibt es wenig Spielraum für Interpretationen. Wenn unser Kleinkind fast auf die stark befahrene Straße rennt und uns nicht gehorchen will, ist es wichtiger, dass er gesund und am Leben bleibt, als zu beobachten, welches Spiel er gerade mit uns spielen will. Das darf er hinterher natürlich erklären, aber es ist wesentlich wichtiger, dass er hier klar versteht, dass unser "Stopp!" ihn sofort zum Stillstand bewegen muss.


Fazit: Gehorsam und Ungehorsam spielen sich auf unterschiedlichen Ebenen ab. Wo die Sicherheit unserer Kinder auf dem Spiel steht, ist unbedingter Gehorsam wirklich wichtig. Aber in anderen Fällen sollte die Beziehung zu unseren Kindern an erster Stelle stehen. Ungehorsam ist für Kinder, die ihre Eltern lieben und respektieren, wovon wir im Normalfall immer ausgehen können, ein Ausdruck des Dialogs mit den Eltern. Kinder offenbaren uns damit etwas von sich selbst und dem sollten wir zuhören. Dann lässt sich auf der Beziehungsebene auch ein Kompromiss finden, der uns allen gut tut.



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